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01.04.2010
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31.03.2010
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20.11.2009
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Interviews

Charlie Winston: “Auch ich bin ein fahrender Geselle”

Ein Interview mit Charlie Winston das 2009 geführt wurde: "Auch Ich Bin Ein fahrender Geselle"

Charlie Winston: “Auch ich bin ein fahrender Geselle”

Erst eroberte Charlie Winston nur Frankreich, inzwischen wirbelt er auch bei uns mächtig Staub auf. Mit seiner Single „Like a Hobo“ und dem Album „Hobo“ ist der 31-jährige Singer/Songwriter auf bestem Wege, als eine der Entdeckungen des Jahres für Furore zu sorgen.

Charlie, du bist Engländer. Wie kommt es  dass Frankreich das erste Land war, in dem du so richtig erfolgreich geworden bist? Deine Single “Like a Hobo” stand dort an der Spitze, dein Album erreichte Platz 2.

Winston: Das ist ungewöhnlich, das stimmt. Ich lebte in London und beschloss, ein wenig auf Reisen zu gehen. Ich besuchte also Freunde in Paris, die inzwischen mein Bassist und mein Schlagzeuger sind. Wir verschafften uns dann gegenseitig Konzerte und tauschten CDs aus. Und dann gelangte meine CD irgendwie in die Hände der Macher von „Atmospherique“, einer Plattenfirma in Paris. Die Jungs gleich extrem interessiert. Wir nahmen also einige meiner älteren Aufnahmen und mischten sie mit neuen Songs zusammen, die ich im vergangenen Sommer aufgenommen habe.. Und dann, im Januar 2009, wurde mein Album in Frankreich veröffentlicht und stieß direkt auf offene Ohren. Dazu kam, dass ich ziemlich viel Glück mit einigen TV-Shows hatte, in denen ich auftreten konnte. Und so gingen die Dinge ihren Gang.

Du hast schon vor “Hobo” einige Alben gemacht. Wie hat sich deine Musik verändert?

Winston: Ich würde sagen, sie hat sich entwickelt. Das meiste Geld habe ich während meine Zwanziger mit Musik fürs Theater verdient. Ich war also gezwungen, in allen möglichen Stilen zu schreiben. Das war eine extrem gute Übung im Songschreiben.

Könnte dein Erfolg auch daran liegen, dass die Franzosen einen gewissen Hang zu Hobos haben?

Winston: Wohl eher weniger. Denn kein Mensch in Frankreich wusste, was ein Hobo ist. Ich musste es erst quasi jedem einzeln erklären. Aber dann waren sie sehr interessiert und auch fasziniert. Ist ja auch ein spannendes Thema. Schon Charlie Chaplin war von Hobos begeistert, Bob Dylan, Jack Kerouac nicht minder. Viele Künstler haben über die Jahrzehnte den Hobo als Symbol benutzt.

Als Symbol wofür?

Winston: Als Symbol für ihre eigene Haltung gegenüber der Gesellschaft, speziell der Leistungsgesellschaft. Insbesondere im Industriezeitalter, damals im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren Themen wie Freiheit contra Ausbeutung ja sogar noch wichtiger als sie es heute immer noch sind.

Fühlst du dich als Hobo des 21. Jahrhundert?

Winston: Teilweise. Auch ich bin ein fahrender Geselle. Aber ein kompletter Hobo bin ich nicht. Ich habe eine Wohnung in Paris und eine in London. Auch darüber hinaus genieße ich einen gewissen Komfort. Ich schlafe nicht in Viehwaggons von Zügen, sondern meist in Hotels. Letztlich ist auch bei mir der Hobo eine Metapher.

Kannst du das näher erläutern?

Winston: Gerne. Ich hinterfrage die Welt, in der  ich lebe. Ich denke darüber nach, was wichtig ist für mich, und was real ist in diesem Leben. Und so bedeutsam und praktisch Dinge wie ein Ipod auch sein mögen, mache ich mir klar, dass ich das nicht wirklich zum Leben benötige. Da gibt es weitaus wichtigeres, allen voran die Menschen, die mir nahe stehen.

Du bist aber jahrelang in Clubs aufgetreten und regelrecht getingelt. War das nicht ziemlich hobo-mäßig?

Winston: Ja, diese Phase meines Lebens kam einer klassischen Hobo-Existenz sicherlich am nächsten. Ich war ziemlich allein und bin immer herumgefahren, um Freunde zu treffen, in deren Wohnungen zu leben und Gigs zu spielen. So lernte ich auch viele Orte gut kennen. Jetzt übernachte ich fast immer in Hotels und ziehe am nächsten Tag weiter.

Deine Eltern betreiben im ostenglischen Suffolk das „King’s Head Hotel“. Hast du die Liebe zum Reisen von ihnen?

Winston: Nein, das hat sich eher aus meiner Neugier, meinem generellen Interesse an der Welt ergeben. Ich wusste, dass London zwar sehr groß ist. Aber dass die Welt noch weitaus größer ist als London. Immer wieder habe ich erfahren, dass die Menschen woanders weitaus glücklicher sind. Vor allem in Gegenden, in denen man es nicht erwartet.

Was hast du durch deine Reisen gelernt?

Winston: Dass du überall, wo du hinkommst, Idioten und coole Leute triffst. Es gibt keinen Ort, an dem es nur die eine Sorte Mensche oder nur die andere Sorte Mensch gibt. Auch sind die Grundbedürfnisse überall die selben: Essen, Trinken, Schlafen, Liebe.

Du sagst, du brauchst nicht viel zum Leben. Auch deine Lieder klingen ziemlich schlicht. Du singst und spielst die Gitarre. 

Winston: Ja, wobei ich manchmal auch ein paar Streicher hinzufüge. Ich bin also kein Purist. Ich höre immer hin, was der jeweilige Song benötigt. Dann sollte man ihm das auch nicht vorenthalten.

Wie hast du gelernt, Songs zu schreiben?

Winston: Meine Eltern waren ein singendes und songschreibendes Duo. Sie sind auch permanent durchs Land gereist und haben vor allem Folk gesungen, zuweilen auch Swing. In dem Hotel, in dem sie sich schließlich niederließen, um es zu betreiben und in dem ich aufwuchs, lief zudem immer Musik, von Klassik bis zu Popmusik. Als ich dann selbst anfing zu komponieren, haben meine Eltern mir viele wertvolle Ratschläge gegeben.

Zum Beispiel?

Winston: Zum Beispiel nicht ausschließlich über die Liebe zu schreiben. Das war auch wirklich eine wertvolle Lektion, wie ich finde.

Wobei du dich nicht immer daran hältst. Oder worum geht es im Stück “Soundtrack to falling in Love”?

Winston: Oh ja, bei dem Song musste ich aufpassen, nicht in die Klischeefalle zu tappen. Also schrieb ich ihn in zwei Teilen. Der erste Teil ist ein herkömmliches Liebeslied mit allem, was dazu gehört. Der zweite Teil aber stellt die Frage, was die Liebe in unserer heutigen, schnellen Wegwerfgesellschaft eigentlich noch bedeutet. Ich denke, unser Blick auf die Liebe hat sich stark geändert in den letzten Jahrzehnte. Familien sind im Niedergang, der klassische Zusammenhalt zwischen den Menschen scheint nachgelassen zu haben.

Ein anderer deiner Songs heißt “Generation Spent”. Ist Liebe auch nur ein Konsumartikel?

Winston: Die Entwicklung geht dahin. Der Mensch zählt nur noch als Individuum, kaum noch als Teil einer Gemeinschaft. Es ist doch interessant, wenn du dir Werbeslogans wie “Weil ich es mir wert bin” anschaue. Wichtig ist nur der Einzelne. Und dieser Einzelne ist nicht mehr bereit, über  sein Leben wirklich nachzudenken. Er will schnelle Lösungen, am liebsten solche, die er im Supermarkt bekommt und zuhause nur noch aufwärmen muss (lacht).

Welche Themen faszinieren dich sonst noch?

Winston: Ich fand es immer spannend, die Menschen nach ihrer Idee von Gott zu fragen. Du bekommst als Reaktion meist erschrockene Gesichter. Nicht, dass ich gläubig wäre, aber es verblüfft mich, wie viele Hemmungen dieses Thema verursacht. Ich mag die Frage trotzdem.
Desweiteren kann ich mich stundenlang darüber beklagen, wie unsere Welt immer homogener und austauschbarer wird. Überall gibt es dieselben Ketten, dieselben Produkte. Ich kaufe mir meine Kleidung fast nur noch in winzigen Boutiquen oder den Läden der Heilsarmee.

Auch in deiner Musik bist du originell und folgst keinem Trend.

Winston: Ja, das ist mein großes Bestreben. Viele sagen, ich mache Blues, aber ich finde das nicht. Blues ist nur ein Teilaspekt von meiner Musik. Wichtig für mich ist es, dass ich Musik mache, die ich selbst vorher noch nicht in dieser Form gehört habe. Die neu ist, auch wenn sie Stile aus 100 Jahren Musikgeschichte aufgreift. Ich will in keine Schublade.

Dein Bruder Tom Baxter ist auch ein recht erfolgreicher Singer/Songwriter. Seid ihr Konkurrenten?

Winston: Nein, wir unterstützen uns. Ich habe lange Zeit mit ihm in seiner Band gespielt. Auch heute helfe ich ihm manchmal noch aus, aber er wusste, dass ich mein eigenes Ding machen musste.

Warum habt ihr unterschiedliche Nachnamen?

Winston: Haben wir nicht. Unser Nachname ist der selbe, Gleave nämlich. Winston und Baxter sind jeweils unsere zweiten Vornamen. Außerdem habe ich noch eine Schwester, die auch Musik macht, und einen älteren Bruder, der sich nun um meine Finanzen kümmert. Er ist das weiße Schaf der Familie.

Du warst mal Babysitter beim Kind von Peter Gabriel?

Winston: Ich nahm Musik mit meinem Bruder in Peter Gabriels “Real World”-Studio auf und freundete mich an mit seiner Tochter Mel. Sie hat mich dann mal nach Hause eingeladen, und ich verstand mich sehr gut mit seinem kleinen Sohn, der damals drei Jahre alt war. Irgendwann habe ich mich dann freiwillig gemeldet, als Peter und seine Frau einen Babysitter suchten. In jener Nacht, in der ich auf seinen Kleinen aufpasste, gab ich Peter meine Demo-CD. Ein paar Monate später rief er mich an und meinte, er mag mein Album, es erinnere ihn an seine frühen Sachen mit Genesis. So ging es dann mit mir los. Als nächster produzierte er mein Album „Making Way“ und nahm mich mit auf Europatournee.

Wolltest du wie Genesis klingen?

Winston: Nein, ich kenne Genesis in Wirklichkeit kaum. Jeff Buckley, Led Zeppelin und Bach sind eigentlich meine größten Inspirationsquellen

Macht das jetzt eigentlich Spaß, so ein Leben als Popstar?

Winston: Ja, es ist verrückt. Ich werde in Paris andauernd auf der Straße erkannt. Ich ziehe mich in der  Freizeit deshalb schon anders an. Kein Hut, keine Krawatte. Sondern am liebsten nur T-Shirts und Shorts.

Steffen Rüth